| Nachgefragt: Man sollte in der IT die fachliche Seite nicht unterschätzen! |
Svenja Hofert ist Karrierefachfrau und erfolgreiche
Autorin, die inzwischen mehr als 20 Bücher
im Bereich Beruf, Karriere und Existenzgründung
geschrieben hat. Sie ist studierte Historikerin
(M.A.), gelernte Journalistin und inzwischen
auf Karriereberatung und Coaching im Bereich
Online-Marketing und IT spezialisiert.2000 gründete Hofert in Hamburg die Karriereberatung "Karriere & Entwicklung". Dort arbeitet sie in einer Büro- und Synergie-Partnerschaft mit der Trainerin und Diplom-Psychologin Christiane Ludwig zusammen. berufsstart.de: Wie sind Sie auf die Idee zu diesem Ratgeber gekommen? Svenja Hofert: Ich habe festgestellt, dass es für die Zielgruppe der ITler oder IT-nahen Berufe oft andere Anforderungen gibt, sowohl beim Bewerbungsverfahren als auch beim Vorstellungsgespräch. Mit den klassischen Bewerbungsratgebern kommen diese Menschen oft nicht weit, weil die Bewerbungsgespräche ganz anders aufgebaut sind und ganz andere Übungen verlangt werden. Das kommt in anderen Büchern einfach nicht vor. Das war mein Ansatzpunkt. berufsstart.de: Es gibt momentan also keine ihrem Buch vergleichbaren Ratgeber auf dem Markt. Svenja Hofert: Ein Buch, in dem das Thema so umfassend abgedeckt wird, gibt es derzeit nicht. Die vorhandenen Bücher sind nicht auf die Berufsorientierung ausgerichtet und stellen im Prinzip nur einen Ausschnitt des Themas dar. Auch der Ansatz mit Musterbeispielen und Tests existiert so nicht. berufsstart.de: Gerade das hat mir an ihrem Buch sehr gefallen. Die Beispiele und Übungen regen dazu an, über den eigenen Status Quo nachzudenken. Svenja Hofert: Ja. Es soll in verschiedenen Phasen des Berufslebens anwendbar sein und eher einen Handbuchcharakter haben. Das Feedback zeigte, das sowohl Berufserfahrene, als auch Berufseinsteiger etwas mit dem Buch anfangen konnten. berufsstart.de: Eine Frage kam mir schon beim Lesen des Titels in den Sinn: IT-Fachleute sind häufig sehr internet-affin. Liest diese Zielgruppe überhaupt Karrierehandbücher? Svenja Hofert: Oh ja, sehr wohl. Gerade heute Morgen habe ich eine Mail von einem Informatiker bekommen, ob ich ein bestimmtes Buch schon gelesen hätte. Das Lesen ist meiner Meinung nach völlig unabhängig von der Berufswelt zu sehen. Allerdings sollten gerade Absolventen und Studenten aufpassen, keiner zu großen Internetgläubigkeit zu erliegen. Den Trend sehe ich momentan auch. berufsstart.de: Immer mehr spielt sich im Internet ab. Sie sprechen in ihrem Buch häufig von Xing und raten dazu, diese und ähnliche Plattformen als Informations- und Bewerbungsinstrument zu nutzen. Sind diese Portale der Personalmarkt der Zukunft? Svenja Hofert: Sei es nun Xing oder das jemand noch etwas Neues erfindet. Tatsache ist, dass XING inzwischen einen so großen Datenbestand hat, dass das kaum noch aufzuholen ist. Es wird zu einer Art zentraler Datenbank werden... oder ist es vielleicht schon. Die Personalsuche ist schon sehr stark in diese Richtung abgewandert. Gerade im IT-Bereich war GULP früher sehr stark vertreten. Da berichten mir viele ITler, dass GULP immer noch stark ist, dass sich aber immer mehr in Richtung XING verschiebt. Bei XING kommt es auch vor, dass ein Fachverantwortlicher ein Profil einsieht und direkt einen Job anbietet. Das kommt meines Wissens nur bei XING vor und weniger bei Stepstone oder Monster. Ein Grund mag sein, dass man XING im Basisbereich kostenlos nutzen kann. berufsstart.de: Viele Bewerber nutzen XING, nehmen es aber mit dem eigenen Profil nicht so genau. Svenja Hofert: Das Bewusstsein für die Wichtigkeit dieser Online-Profile muss bei den Menschen erst einmal durchdringen. Man ist bei XING auf dem Präsentierteller und es macht einen komischen Eindruck, wenn jemand mit einem privaten Photo und etwas seltsamen privaten Interessen daherkommt. berufsstart.de: Das ist ein gutes Beispiel für ein DON´T. Was gibt es für Sie als Karriereberaterin für absolute DOs oder DON'Ts im Bewerbungsgespräch - speziell in der IT? Svenja Hofert: Man sollte in der IT die fachliche Seite nicht unterschätzen. Die Gespräche sind häufig sehr viel fachbezogener. Es werden Aufgaben gestellt, wie: Schreiben sie einen 4-seitigen Aufsatz zu einem bestimmten CRM-System. Es gibt also fachliche Aufgaben oder Fragenkataloge. Oft nehmen Bewerber diese Seite nicht so ernst, weil sie in den klassischen Bewerbungsratgebern gelesen haben, man solle sich auf die drei größten Stärken und Schwächen vorbereiten. Die Überraschung ist dann groß, wenn in der IT danach gar nicht gefragt wird. In der IT sind die entscheidenden Personen häufig nicht die Personalverantwortlichen, sondern die Fachverantwortlichen. Die Personalverantwortlichen beraten bestenfalls. Diese Verteilung der Entscheidungskompetenzen ist einigen Bewerbern nicht bewusst. Man muss auf dem Laufenden sein und wissen, was in Fachmagazinen geschrieben wird. Bewerber dürfen das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Gleichzeitig sollte man sich aber auch kein Wissensgefecht mit dem Gesprächspartner liefern. berufsstart.de: In ihrem Buch warnen sie davor, seine Berufs- oder Karriereentscheidungen zu stark vom Umfeld oder der wirtschaftlichen Situation beeinflussen zu lassen. Was raten Sie Bewerbern, um dies zu vermeiden? Svenja Hofert: Man sollte sich nicht zu stark daran orientieren, was einem von außen erzählt wird. "Mach dies, mach das, das ist gut" bringt einen meist nicht weiter. Ein anderer großer Fehler ist, das erstbeste Angebot zu nehmen, weil ich in der Wirtschaftskrise sonst bestimmt nichts anderes finde. Genauso falsch ist es, zu lange auf das perfekte Jobangebot vom Traumkonzern oder der Traummarke zu warten. Es kommt vielleicht nicht, es vergeht ein halbes, ein dreiviertel Jahr oder ein ganzes Jahr. Das verkraftet der Lebenslauf dann auch nicht. Man muss die richtige Balance finden zwischen dem, was einen interessiert und was den persönlichen Neigungen entspricht und zwischen der Notwendigkeit einen Job zu finden, auf den man auch nicht ewig warten kann und darf. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass viele nach dem Studium denken, sie hätten jetzt genug gelernt oder sogar ausgelernt. De facto braucht man aber gerade nach dem Studium häufig doch noch eine Weiterbildung, um einen Einstieg zu finden. Man muss sich von dem Gedanken verabschieden: Ich hab jetzt studiert, ich bin fertig und reiche für den Arbeitsmarkt. Das ist einfach häufig noch nicht so. Ein gutes Beispiel ist ein abgeschlossenes Studium in BWL mit Schwerpunkt Marketing. Da ist es im Moment so gut wie unmöglich, etwas zu finden, wenn man noch keine einschlägige Berufserfahrung, keine guten Praktika hat. Da muss ich mir gut überlegen, was ich machen kann, wie ich mein Profil mit Weiterbildung anreichern kann, um meinen Lebenslauf für die Arbeitgeber interessanter zu machen. berufsstart.de: Da kommt gleich die nächste Problematik auf den Bewerber zu. Auf der einen Seite ist Spezialisierung notwendig, auf der anderen Seite schränkt sie mich stark ein. Das thematisieren Sie auch in ihrem Buch. Was raten sie, damit man nicht in einer zu spezialisierten Nische stecken bleibt? Svenja Hofert: Ja, Spezialisierung ist notwendig, aber in einer Nische gibt es dann vielleicht zu wenige Stellen und wenn, dann nur in Köln und Berlin und nicht da, wo man gerne leben möchte. In dem Fall würde ich empfehlen, mich trotz allem zu spezialisieren, aber immer im Auge zu behalten, wie man das Feld erweitern oder verbreitern oder einen zweiten Strang aufbauen kann. Wenn man dann den Bereich wechseln möchte, sollte man darauf achten, eine Phase abzupassen, wo der Markt das erlaubt. Im Moment erlaubt der Markt das leider nicht oder kaum. Wenn man aber eine günstige Phase abpasst, dann sind auch Quereinstiege in neue Bereiche möglich. Man kommt von der Nische in etwas Neues rein. Spezialisierung ja, aber immer die Augen nach neuem offen halten. Als Beispiel: Wenn sie in SAP die Basis beherrschen, können sie sich nach einer für sie passenden zukunftsfähigen Modul-Spezialisierung umsehen und sich in dem Bereich weiterbilden. Wenn man das dann gemacht hat, kann man erneut so vorgehen und sich so immer weiterentwickeln. Um aus der Nische herauszukommen, kann man möglichst versuchen, sich methodisches Wissen anzueignen, um vom Fachwissen zur Methode hin neues Wissen zu erwerben. Um beim Beispiel zu bleiben: man kann sich von SAP zum Projektmanagement fortbilden. Der Markt muss es aber auch zulassen. Man kann auch versuchen, sich in einen komplett neuen Aufgabenbereich zu bewegen und so die Spezialisierung aufweichen. Der Trend geht immer stärker dahin, nicht sein Leben lang bei einem Thema zu bleiben. berufsstart.de: Sehen Sie dabei einen Unterschied zwischen der beruflichen Entwicklung von Männern und Frauen? Wie könnte man mehr Mädchen und Frauen für den IT-Bereich gewinnen? Svenja Hofert: Um Mädchen und Frauen für Technik und IT zu begeistern, müsste schon ganz früh in der Schule angesetzt werden. Die Berufsentscheidung hat bei Frauen oft mit Vorbildern zu tun. Sie suchen häufig Jobs, die sie ausfüllen und in Richtung Selbstverwirklichung gehen, wohingegen Männer häufig dazu tendieren, sich etwas zu suchen, womit sie Geld verdienen können. Die Männer gehen eher arbeitsmarktorientiert vor, die Frauen eher sinnorientiert. Ich persönlich denke, dass das arbeitsmarktorientierte Vorgehen oft gar nicht so schlecht ist und dass Frauen sich da von den Männern durchaus mal was abschauen können. Ich kenne It-ler, die sind keine geborenen "Techies" und nicht so technikbegeistert, dass sie auch noch privat 8 Stunden am Computer basteln. Sie finden ihren Job interessant, sind damit zufrieden und haben aber noch andere Hobbies, die sie ausfüllen. So etwas kann man sich eher leisten, wenn man einen Job hat, in dem man Geld verdient, wohingegen Mädchen oder Frauen zu leicht nach etwas suchen, wo man kein oder zu wenig Geld verdient. Da müsste ein Bewusstseinswandel bei den Frauen einsetzen. Eine Berufsentscheidung muss zu einem gewissen Grad persönlichkeitsbezogen aber eben auch arbeitsmarktbezogen sein. Heutzutage ist eine Berufsentscheidung nicht mehr ewig gültig. Ich kann mit etwas anfangen, wovon ich leben kann, zum Beispiel SAP-Consultant, mir eine Basis aufbauen und darf und kann mich später auch davon wegentwickeln. Dabei sollte man sich in der Wissensgesellschaft ein Wissen aneignen, was möglichst nicht jeder andere hat. berufsstart.de: Welches Wissen ist das denn momentan? In ihrem Ratgeber führen Sie Trendthemen auf. Was sind aktuelle Trends, an die man sich halten sollte? Svenja Hofert: Bei Trendthemen schwingt auch immer das Risiko des Schweinezyklus mit. Deshalb bin ich etwas vorsichtig. Kaum hat man etwas gesagt, ist es schon kein Thema mehr. Als ich das Buch geschrieben habe, war ich mir sicher mit SAP richtig zu liegen. SAP ist auch immer noch ein Thema, aber es ist schwieriger geworden, dort Jobs zu finden. Was auf jeden Fall ein Trendthema ist, ist alles, was mit Prozesswissen zu tun hat, ITIL (IT Infrastructure Library) ist ein Thema, das Projektmanagement ist mit Sicherheit ein Bereich, mit dem man nichts falsch macht. Selbst wenn man nicht als Projektmanager arbeitet, ist diese Projektorientierung so gut wie überall vorzufinden. Fast alles wird zu Projekten umorganisiert, so dass auch jemand der fachorientiert arbeitet, mit dem Projektmanagement nichts falsch macht. Bei den Fachthemen ist der Trend schwerer zu beschreiben, weil die Themen sehr spezifisch sind. Für Berufseinsteiger gilt es zuerst einmal, grob sein Themengebiet zu finden. Will ich in die Infrastruktur, in den SAP-Bereich, in den Programmierungsbereich, gehe ich an eine Schnittstelle zwischen IT und Finanzen, IT und Vertrieb, IT und Produktion etc. Man muss den Bereich zuerst kennen lernen. Man kann einfach nicht mit einer totalen Spezialisierung einsteigen. Das sehen viele Einsteiger falsch, dazu gehört meist schon einiges an Erfahrung. Darin liegt auch ein Widerspruch der Arbeitswelt. Spezialisten und Fachkräfte sind gefordert, aber ein Einsteiger kann das gar nicht sein. Da muss man sich langsam reinentwickeln. berufsstart.de: Eine Frage zu Ihrer persönlichen Entwicklung. Rückblickend, was hätten Sie sich als Karriereberaterin für einen Tipp für Ihren Berufsweg gegeben? Was hätte Ihnen am Anfang Ihrer Karriere geholfen? Svenja Hofert: Eine Beratung auf jeden Fall. Ich habe 1985 Abitur gemacht und da gab es Karriereberatung in der heutigen Form noch nicht oder sie ist mir zumindest nicht begegnet. Berufsberatung beim Arbeitsamt gab es sicherlich, aber die ist heute wie damals nicht so besonders gut. So etwas hätte ich mir gewünscht, dann hätte ich vielleicht etwas anderes studiert. berufsstart.de: Man sollte also selbstständig auf die Suche nach Informationen gehen? Svenja Hofert: Man sollte vor allem mit möglichst vielen Leuten sprechen und das Internet vielleicht lieber außen vor lassen, wenn es darum geht einen Beruf zu finden. Man sollte sich unterschiedliche Meinungen einholen und natürlich immer hinterfragen, vor welchem Hintergrund die Aussagen gemacht werden. Wenn sie sich Informationen über einen dualen Studiengang Wirtschaftsinformatik an einer privaten Fachhochschule einholen, dann kriegen sie natürlich gefärbte Informationen, weil dafür geworben werden soll. Das muss man sehr genau abwägen und bewerten. Viele Bewerber sehen das überhaupt nicht und deshalb würde ich so viel wie möglich mit neutralen Personen sprechen, die kein Interesse haben, etwas besonders hervorzuheben oder aus einem Eigeninteresse heraus sprechen. berufsstart.de: Viele junge Menschen betrachten das Internet als Quelle der absoluten Wahrheit und hinterfragen die Informationen kaum, wie in einem Lexikon. Wie stehen Sie dazu? Svenja Hofert: Ich würde immer nach einer Primärquelle suchen. Wer hat was aus welcher Motivation heraus in die Welt gesetzt. Das ist sehr wichtig zu wissen, um die richtige (Karriere-)Entscheidung zu treffen. berufsstart.de: Vielen Dank für das Interview, Frau Hofert. Das Interview führte Eva Johanneman / berufsstart.de |